Konzept

Das Lesen und Verstehen von Texten ist ein sehr komplexer Vorgang, bei dem viele verschiedene Teilprozesse und Wissensbestände miteinbezogen sind. Die aktuelle Leseforschung unterscheidet grob drei Typen kognitiver Lesefähigkeiten:

  • Hierarchieniedrige, textbasierte Funktionen der Worterkennung (durch alphabetisches Erlesen oder Wortbilderkennung) und des lokalen Satzverstehens.
  • Hierarchiehöhere, stärker wissensbasierte Funktionen des globalen Textverstehens.
  • Metakognitive, strategische Funktionen der Planung, Steuerung und Evaluation.
  

Da die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses beschränkt ist, können diese Funktionen nicht alle gleichzeitig bewusst ausgeführt werden. Abhilfe schaffen hier einerseits die zunehmende Automatisierung der hierarchieniedrigen Funktionen und andererseits die immer effizientere Organisation von Wissensbeständen im Langzeitgedächtnis. Geübte Leserinnen und Leser haben deshalb den Kopf frei für hierarchiehöhere und strategische Funktionen, während Leseanfängerinnen und -anfänger stark durch Worterkennung und lokales Satzverstehen absorbiert werden (vgl. Samuels 2006).

Die Lesewerkstatt baut auf den genannten Grundlagen auf:

  • Hierarchieniedrige Funktionen werden mit den Lernbereichen «Laute erkennen», «Wörter erkennen» und «Sätze verstehen» trainiert.
  • Auf hierarchiehöhere und strategische Funktionen sind die Lernbereiche «Texte verstehen» und «gezielt lesen» ausgerichtet.

Das Training von kognitiven Fähigkeiten ist allerdings nur ein Baustein einer umfassenden, Leseförderung. Deshalb werden mit den Angeboten der Bibliothek Brücken geschlagen vom Lesetraining zum handlungsorientierten Lesen in authentischen Lern- und Lebenssituationen.

Den Übungen der Lesewerkstatt liegen über 200 aktuelle kinderliterarische Texte zu Grunde. Vom erzählenden Kinderbuch zum Gedicht, vom Sachtext aus einer Zeitschrift zum Comic – alle Genres sind vertreten. Die Auswahl berücksichtigt die unterschiedliche Lesekompetenz der Kinder: Der Umfang der Texte und ihre Komplexität nimmt mit jeder Leistungsstufe zu. Und das Textkorpus berücksichtigt die nach Alter und Geschlecht verschiedenen Leseinteressen. So können die Kinder auf jeder Stufe und in jeder Übung mit den Texten arbeiten, die ihren individuellen Vorlieben entsprechen. Sie finden ihre Lieblingsthemen wieder, treffen auf vertraute Serienhelden und Klassiker, haben aber auch die Möglichkeit, neue Autorinnen und Autoren für sich zu entdecken.